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Hier ist ein weiterer Schnippsel von Alexander Kluge. Er spricht über Funktionen und Notwendigkeiten des Erzählens, über Möglichkeiten und Sehnsüchte die den erlebten Moment modulieren und über die illusionäre Wirklichkeit.

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Eine aktuelle Wirklichkeit besteht aus Vergangenheit, Zukunft und dem Konjunktiv, der Möglichkeit, die neben ihr einhergeht und grosse Gravitation hat.

Wie eine Echo begleitetet die Möglichkeit die sogenannte Wirklichkeit, also die Ereignisse.

Und es gibt dann auch noch die Wünsche und die sind antirealistisch. Die gehen darauf das die Wirklichkeit mich doch nicht betrügen oder beleidigen möge.  Das eine Wirklichkeit existieren möge, die zu mir passt.

Ich glaube das alle Menschen an irgendeiner Stelle das empfinden. Und diese Grammatiken, der Obdativ, die Wunschform, […] die Vergangenheitsform, die Zukunftsform und die Möglichkeitsform, diese Grammatik der wirklichen Verhältnisse ist das was das Erzählen anleitet.

 

Würden wir direkt der Objektivität ausgeliefert sein und sie ausserdem noch wahrnehmen, diese Kälte, die in der Welt herrscht, könnten wir eigentlich als Menschen nicht leben. Und deshalb machen wir uns eine wohlverstandene Illusion und die nennen wir Wirklichkeit und die verändert sich alle 10 oder 20 Jahre recht deutlich. Und wenn man Lebensläufe schreibt dann kann man das registrieren.

 

[…]

 

Das Erzählen in der Literatur ist auch immer Zeichen von einem Verlust, einem Defizit das man heilen will.

Was ist davon wirklich, was ist unwirklich? Und dies kann man nicht abstrakt behandeln. Sondern hängt davon ab, ob Menschen in etwas eingreifen können oder nicht.  Und mindestens die poetische Methode, die Erzählung, wie wir sie von Ovid gelernt haben  in den Metamorphosen, kann eingreifen.

 

Die Ungleichheit zwischen Menschen ist nicht die zwischen Fürsten, Grafen und Luise in Schillers ‘Kabale und Liebe’, sondern ist die Ungleichheit zwischen Kräften die Handlungsmacht haben und Zerstörungsgewalt und Menschen (meist), die diese Macht nicht haben.

 

Menschen sind, ob sie es wollen oder nicht, immer wieder erneut impartial spectator, unbefangene, sachliche Beobachter. Sie beherrschen Sachlichkeit. Und das ist die Grundlage der Industrie.

Und sie haben auf der anderen Seite die entgegengesetzte Eigenschaft, die sie auch nicht ablegen können, selbst wenn sie es wollten, und das ist Empathie, Einfühlung.  Und diese beiden Zangen, Empathie und Sachlichkeit, die bewegen die Menschen. Und solange das gelingt sind wir menschlich. Und wenn das ausfällt, sind wir’s nicht.

 

[…]

 

Die wahre Ökonomie ist nicht Geld gegen Geld, nicht mal Arbeit gegen Arbeit, sondern investierte Lebenszeit gegen die Lebenszeit anderer. Und das ist die Basis, auf die wir uns verlassen können. Das ist der reale Boden. Das nennt man Bodenhaftung.

 

[…]

 

Die Beobachtung erzählt mir Geschichten bei denen Männer Unglück stiften, weil die Liebesfähigkeit irgendwie ungleich verteilt ist, in der Welt.

 

[…]

 

Man darf eigentlich von seinen Absichten und Plänen nicht sprechen, sondern man muss sie ausführen.

 

[…]

 

Das Internet lässt Minutenfilme zu. Und das war der Anfang der Filmkunst. Wenn sie diese Form haben, die der Kamera sehr entspricht, dieser ‘ein Moment Eindruck’ und diesen zu einem Film machen; nicht aufblasen, keine Dramaturgie brauchen, dann können sie daraus Konstellationen machen und die können zehn Stunden lang werden. Und jetzt haben sie einerseits den Zusammenhang (Kontext) und andererseits Moment, also die zwei Elemente. Und so geht die Filmgeschichte in meinen Augen weiter.

 

[…]

 

 

Ein Stück Raum, ein Stück Zeit, das sind die beiden Elemente aus denen Lebensläufe bestehen. Aber mir gibt es ein Gefühl der Sicherheit das ich Vorfahren habe, dass ich ihnen trauen kann, dass durch Zufall oder Bestimmung kein schlimmes Verbrechen von einem von ihnen begangen wurde. Darüber bin ich froh. Und das ist etwas, was wir uns immer wieder vor Augen halten könnten: Wir sind verankert als Menschen. Unsere Vorfahren sind 500 Millionen Jahre alt, wahrscheinlich älter noch. Aber nachweisslich kommen die Bakterien, von denen wir alle abstammen aus der schlimmsten Eiszeit und von dem tragen wir Lebenswillen in uns. Und der ist klüger als unser Verstand. Und das mag uns vielleicht in Zukunft noch retten.

 

[…]

 

Auf jeden Fall ist die Realität ein brüchiger Begriff. Im 21 Jahrhundert, das ist das was mich am meisten verblüfft hat gegenüber dem 20 Jahrhundert ist die Entwirklichung, die ja stattfindet. Es gibt viele Parallelwelten, es gibt Zufallswolken, die die Welt umrunden und ganz irreal sind. Und es gibt Wünsche der Menschen, die natürlich dann auch, wenn die Welt irreal ist und sie negiert zur Irrealität neigen. Und man kann dann nicht einfach sage: ‘Ich wähle die Realität’ weil es die gar nicht gibt, vermutlich nicht gibt. Vermutlich ist sie eine Haut, die wir uns machen,  in der unwirtlichen Welt. Und diese Vase namens Wirklichkeit, die iste sozusagen, hat Sprünge, und gekittet ist sie nicht mehr ganz durchsichtig. Das ist die Metapher des Absturzes aus der Wirklichkeit, das sind die ersten Geschichten.

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